Stellwerk Magazin

Interview mit Miriam Lowack Beruf: Kuratorin

Vorwort

Miriam Lowack (*1982) absolvierte in Köln ihr Magisterstudium in Kunstgeschichte, Deutsche Sprache und Literatur sowie Philosophie. Nach dem Studium assistierte sie 2010 bei der Ausstellung “Bilder in Bewegung” im Museum Ludwig und war wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Ursula Frohne im Forschungsprojekt “Reflexionsräume kinematographischer Ästhetik” am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln. Seit 2012 ist sie als Kuratorin und Projektleiterin im Videoarchiv am Ludwigforum für internationale Kunst in Aachen beschäftigt, und kuratiert dort zudem die Ausstellungsreihe “Videozone”.

Frau Lowack, Sie kuratieren Videokunst. Das klingt erst einmal ungewöhnlich. Es gibt nicht so viele Video-Kuratoren, oder?

Doch, die gibt es zunehmend! Nachdem die Videokunst sich in den 1970er Jahren etabliert hatte, und viel ausgestellt wurde, ging das Interesse an ihr allerdings in den 80ern zurück, was auch daran lag, dass die Magnetbänder der Videos erste Schwächen und Auflösungserscheinungen zeigten, und die alten Abspielgeräte nach und nach obsolet wurden. Erst Ende der 80er erwachte ein neues Interesse daran - seitdem gibt es auch viele Video-Installationen und Projektionen zu sehen. In den 2000er Jahren hat man dann auch den kulturellen Wert der historischen Arbeiten der Videokunst wiederentdeckt. Nun werden sukzessive die Bestände kultureller Institutionen und auch privater Sammlungen aufgearbeitet und wieder ins Blickfeld gerückt. Da gibt es schon Kuratoren, die sich mit diesem Bereich und den besonderen Bedingungen auseinandersetzen, die das Ausstellen von Videokunst - sowohl zeitgenössischer als auch älterer Arbeiten - mit sich bringt.

Wie kamen Sie zum Videoarchiv?

Mein Schwerpunkt im Studium der Kunstgeschichte lag bereits auf den "Neuen Medien" und der Fotografie, meine Magisterarbeit schrieb ich über Erinnerungsaspekte im Werk von Candida Höfer, und im Anschluss an das Studium kam ich ans Museum Ludwig in Köln und assistierte bei der Ausstellung "Bilder in Bewegung". Das war eine große Überblicksausstellung über Film- und Videokunst, mit Exponaten der hauseigenen Sammlung. Die Kuratorin Barbara Engelbach hatte ein Ausstellungskonzept entwickelt, das zum einen Überblick über zentrale Themenfelder der Videokunst gab, und zum anderen die einzelnen Positionen der Sammlung vorstellte. Durch diese Arbeit wurde mein Interesse an der Videokunst, ihren Themen, ihrer Geschichte und den Ausstellungsperspektiven angeregt und gefestigt. Ich begann an meiner Dissertation zu arbeiten, die sich mit der Videokunst des Litauers Deimantas Narcevicius beschäftigt, der sich mit der sowjetischen Nachkriegszeit und ihren bis in die Gegenwart reichenden Strukturen befasst. Über meine Doktormutter Frau Frohne kam dann der Kontakt zu Dr. Brigitte Franzen, der Direktorin des Ludwig Forum, zustande. Zusammen mit ihr, Prof. Frohne als Kooperationspartnerin und der Kuratorin Anna Sophia Schultz wurde 2011 bei der Volkswagenstiftung der Antrag auf Finanzierung des Forschungsprojekts Videoarchiv gestellt. Die Stiftung sagte uns die Finanzierung zu, und wir konnten dann 2012 starten.

Das Videoarchiv ist also ein Forschungsprojekt. Was ist der Gegenstand Ihrer Forschung?

Ausgangspunkt ist die Videosammlung im Ludwig Forum. Es handelt sich hauptsächlich um Arbeiten aus den 1970er Jahren, die im Rahmen der Neuen Galerie – der Vorgängerinstitution des Ludwig Forum – unter Gründungsdirektor Wolfgang Becker zusammengetragen wurden. Er hat viele Projekte in enger Zusammenarbeit mit jungen Video- und Performance-Künstlern organisiert und die Neue Galerie programmatisch den "Neuen Medien" gegenüber geöffnet. Entscheidende Impulse zur Entwicklung der Videokunst kamen Mitte der 1960er Jahre aus Nordamerika. In Deutschland hat sie sich Anfang der 70er Jahre etabliert. Zwar gab es zu dieser Zeit bereits Museen, die Video in ihre Ausstellungen und Sammlungen integriert haben, aber es war außergewöhnlich, sich dem so früh so intensiv als Museumsinstitution zu widmen. Herr Becker hat den engen Kontakt und Austausch mit zentralen Institutionen der Videokunst gepflegt: Im Rheinland zum Beispiel mit Ingrid Oppenheim oder Wulf Herzogenrath, und ebenso mit amerikanischen Institutionen, deren Arbeit die Videokunst vorantrieb. Inzwischen beherbergt die Sammlung etwa 200 Werke mit drei Länderschwerpunkten: amerikanische, deutsche und belgische Videokunst. Die belgische Videokunst ist eine Besonderheit, da es diesen Schwerpunkt in deutschen Sammlungen sonst nicht gibt. Grund dafür ist natürlich auch die Grenzlage Aachens, welche von großer Bedeutung für das Ludwig Forum ist. Immer wieder wird mit Künstlern und Institutionen der Nachbarländer zusammengearbeitet. Außerdem gibt es noch eine Reihe sehr interessanter japanischer Videos.

Von der Arbeit "hinter den Kulissen" erfährt der Museumsbesucher im Normalfall nichts. Können Sie uns etwas über die Arbeit innerhalb des Projekts erzählen? Was ist seit der Gründung geschehen?

Zum einen ist die Arbeit als Team toll: Unter der Leitung von Frau Franzen arbeiten Anna Sophia Schultz, Lou Jonas und ich gleichermaßen als Kuratorinnen und Wissenschaftlerinnen. Lou Jonas stammt aus Belgien, bearbeitet vorrangig den belgischen Schwerpunkt, und nimmt ihn im Rahmen ihrer Dissertation genauer ins Visier, Anna Sophia Schulz konzentriert sich auf den amerikanischen Schwerpunkt, und ich widme mich schwerpunktmäßig deutschen und japanischen Positionen. Wir können im Rahmen unserer Arbeit an der Schnittstelle von Theorie und Praxis arbeiten, die einzelnen Exponate, die ursprünglichen Ausstellungskontexte, sowie den Sammlungskontext untersuchen. Zugleich erproben wir Präsentationsformen im Ausstellungsraum. Die ersten zwei Jahre haben wir vor allem Basisarbeit geleistet: Das ganze Material liegt inzwischen digital vor. Ursprünglich befanden sich alle auf U-Matic Kassetten, also dem ersten Videokassettenformat. Der erste Schritt der Aufarbeitung war die Digitalisierung sämtlicher Arbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Labor für antiquierte Videosysteme am Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) unter der Leitung von Christoph Blase wurden sie wieder sichtbar gemacht. Dann haben wir mit der Sichtung der Arbeiten begonnen. Wir versuchen, uns jedem einzelnen Werk zu widmen, und zu schauen, was die jeweiligen Künstler sonst noch gemacht haben, was sie heute machen, Kontakt zu ihnen aufzunehmen – wenn sie noch leben - und zu recherchieren, wo und in welcher Form die Werke bisher präsentiert wurden. An dieser Aufarbeitung arbeiten wir kontinuierlich weiter.

Wie waren die bisherigen Ausstellungen ausgerichtet?

Wir konnten innerhalb der Sammlung Themenfelder gruppieren, die auch einen gewissen Querschnitt der Themen der Videokunst der 1970er widerspiegeln. Daraus entwickelte sich auch die erste Ausstellung Videoarchiv: Die Amerikaner (2013), unter anderem mit Werken von Keith Sonnier, Douglas Davis und Nam June Paik. Diese Ausstellung hatte zwei Hauptthemen: zum einen den experimentellen Umgang dieser Künstler mit dem Videomaterial und den neuen technischen Mitteln, die die frühen Videokünstler ausprobierten, und zum anderen die Auseinandersetzung mit dem Massenmedium Fernsehen, welches schon Mitte der 1960er ganz zentral die gesellschaftliche Realität bestimmte - in den USA hatten 1965 schon 90% der Haushalte ein Fernsehgerät. Prinzipiell realisieren wir zwei Ausstellungsreihen: Videoarchiv - gleichnamig mit dem Projekt selbst – stellt die Arbeiten und Themen aus der Sammlung vor, und die Videozone, welche unser Forschungsprojekt flankiert, zeigt einmal jährlich, in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Künstlern, zeitgenössische Positionen der Videokunst. Daneben arbeiten wir am Aufbau eines Netzwerks von Institutionen, Kuratoren und Künstlern zum Austausch über die Werke, sowie die Ausstellungsmöglichkeiten und -bedingungen von Videokunst.

Videostill, Franz Buchholz, Hands, 1981, Farbe, Ton, 22:47 min. (Foto: Videoarchiv)

Wie hat sich das Ausstellen denn entwickelt?

Das Ausstellen ist prinzipiell einfacher geworden. Die dauerhafte Präsenz im Ausstellungsraum war früher ein großes Problem, denn die Videobänder sind nicht einfach in Dauerschleife abspielbar. Mit digitalen Videos ist das wesentlich leichter. Videokunstgeschichte ist immer auch Technikgeschichte. Zu einem Videokunstwerk gehört die Ausstellungsart immer direkt dazu. Man hat erst mal nur Daten – früher analoge, heute digitale – und braucht immer Technik, um das Bild sichtbar zu machen. Es ist enorm wichtig, sich jeweils genau damit auseinanderzusetzen, was die einzelne Arbeit bedarf und "verträgt": Die Projektion alter Videoarbeiten ist immer schwierig, weil die Qualität es nicht hergibt. Farbe und Kontraste sind auf modernen Flachbildschirmen oftmals verändert, vor allem bei Schwarz-Weiß-Videos. Und dann ist zu überlegen, wie es um inhaltliche Korrelationen zum Abspielgerät steht: Arbeiten des Videopioniers Douglas Davis müssen eigentlich auf Röhrenmonitoren gezeigt werden. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich in und mit dem "Raum" des Monitors und kommuniziert über dessen Grenzen hinweg, durch die Mattscheibe, mit dem Betrachter. Eine weitere Herausforderung im Ausstellungsraum ist der Sound. Unheimlich schwierig! Es wäre natürlich klasse, alle Kunstwerke laut vorführen zu können und nicht über Kopfhörer, aber das geht natürlich nicht in einem Raum. Allgemein geht der Trend dahin, von der Blackbox-Situation weg zu kommen, also den Betrachter nicht von einer abgedunkelten Zelle zur nächsten zu führen, sondern den Ausstellungsraum zu öffnen, was auch eine andere Art der Korrespondenz zwischen den einzelnen Videoarbeiten ermöglicht. Aber natürlich stellt sich dann die Frage, wie die Lichtverhältnisse sind und wie man die Arbeiten nebeneinander präsentieren kann, ohne eine große Soundcollage zu erzeugen. Kopfhörer bieten auf der einen Seite eine ganz enge, intime Möglichkeit der Rezeption, für einige Besucher ist es aber schon ein Hindernis, sich die Kopfhörer überhaupt erst aufzusetzen. Wir haben aktuell bei einem Werk auch eine Sounddusche im Einsatz. Diese bündelt den Sound an einem Betrachterstandpunkt und außerhalb dieses kleinen Radius ist nicht mehr viel zu hören, doch die Umgebung wird zu einem geringeren Maß immer noch beschallt, daher bringen Soundduschen schon etwas, sind aber auch nur begrenzt einsetzbar. Mehr noch als bei anderen Medien ist deshalb die Ausstellungsarchitektur von großer Bedeutung. Nur selten geben Museumsräume eine für die Präsentation mehrerer Videoarbeiten perfekte Raumaufteilung her. Dann müssen durch Ein- und Umbauten "neue" Räume geschaffen werden, was sehr aufwendig ist.

Haben Sie ein Lieblings-Exponat?

Jedes einzelne Videokunstwerk ist natürlich für sich spannend und wert, erforscht zu werden. Für die aktuelle Ausstellung wäre es wohl die Arbeit von Pol Bury. Er engagierte einen Schauspieler, der einzelne Sketche aufführte, als Persiflage auf verschiedene Kunstformen, Stile und die Kunstgeschichte. Er übermalt zum Beispiel die Malerei-Ikone Mona Lisa, zeigt sich selbst als living sculpture oder malt ohne Farbe und Leinwand. Ich finde diese Arbeit toll, weil sie unglaublich komisch und trotzdem sehr durchdacht ist. Das muss man gesehen haben!

Was fasziniert Sie besonders an Videokunst?

Besonders spannend finde ich die Interdisziplinarität dieser Kunstform. Es gibt so viele verschiedene Bereiche, die darin verknüpft werden können. Und es ist natürlich auch eine ganz eigene Form der Präsentation und Rezeption im Museum.

Ist Videokunst aktuell?

Aber natürlich! Ich denke, dass Videokunst sehr relevant ist. Unsere Gesellschaft ist dermaßen von Medien geprägt, dass es äußerst wichtig ist, dieses Medium aufzugreifen, um gegenwärtige politische oder gesellschaftliche Aspekte zu thematisieren. Hinzu kommen noch die Verknüpfung von Bild und Ton und die bisweilen immersive Wirkung von Video, die eine ganz eigene und vielseitige Wahrnehmung ermöglichen.

Derzeit zeigt das Videoarchiv die Ausstellung Elektronische Bilder malen, während gleichzeitig mit Modern Icons und Ellen Gronemeyer Malerei-Ausstellungen im Ludwig Forum laufen. Stehen diese Ausstellungen im Bezug zueinander?

Ja, sie bilden einen thematischen Komplex um das Feld der Malerei. So, wie die Malerei sich seit Aufkommen von Fernsehen und Video mit deren Erfahrungswelt beschäftigt, orientieren sich Videokünstler immer wieder an der traditionellen Malerei. Einige nutzen, wie der Titel Elektronische Bilder malen schon verrät, statt Pinsel und Farbe die Signale des Videos, sowie Licht und Schatten, um Formen und Bilder auf dem Monitor zu generieren. Ein anderer Teil der Ausstellung zeigt Künstler, die sich explizit auf die Kunstgeschichte oder Ikonen der Kunstgeschichte beziehen. Zum Beispiel Ulrike Rosenbach, die Boticellis Venus in ihrer eigenen Körpergröße an eine Wand projiziert, das Bild immer wieder verdeckt und auf diese Weise das Frauenbild und Schönheitsideal dekonstruiert.

Die Ausstellung zeigt vorrangig Werke belgischer Künstler. Wie kam es dazu?

Beim Sichten der Sammlung fiel uns auf, dass besonders viele belgische Künstler sich mit dem Verhältnis von Malerei und Video beschäftigen und dies besonders humorvoll. Besonders interessant für uns ist hierbei, dass das Verhältnis zwischen Video und Malerei bisher noch nicht stark angegangen wurde. Weder in der Forschung, noch in Ausstellungen!

Was kommt als Nächstes?

Oh, es passiert noch so viel! Zu erwähnen wäre zum Beispiel im Herbst der erste von zwei geplanten Workshops, maßgeblich von Lou Jonas organisiert, bei welchem belgische Videokunst mit belgischen Künstlern und Wissenschaftlern diskutiert werden soll. Noch 2014 werden wir zudem die nächste Videozone zeigen, dieses Mal mit der aus Kasachstan stammenden Künstlerin Almagul Menlibayeva. Nächstes Jahr wird es dann wieder eine Videoarchiv-Ausstellung geben, für die wir demnächst das zu beleuchtende Themenfeld abstecken werden. Und dann arbeiten wir auf die große Abschluss-Ausstellung hin: Anfang 2016 endet das Projekt Videoarchiv. Dort sollen die Forschungsergebnisse gebündelt und das Ausstellen von Videokunst dezidiert thematisiert werden. Der Diskurs bewegt sich derzeit zwischen den Aspekten Neu-Inszenierung und Re-Inszenierung: Rekonstruiert man frühere Präsentationssituationen oder entwickelt man neue kuratorische Konzepte und eröffnet somit neue und aktuelle Interpretationsmöglichkeiten? Diese Fragen beschäftigen uns. Die Ausstellung begleitend, wird auch noch ein Buch publiziert, und wahrscheinlich wird es eine Abschlusskonferenz geben.

...und für Sie persönlich?

Erst einmal werde ich meine Dissertation abschließen. Was dann kommt, werde ich sehen....es gibt viel Videokunst! Ich denke, es gibt noch viele spannende und nicht erschöpfend erforschte Projekte im Bereich dieser Kunst, in welche man sich entweder integrieren oder sie selbst anstoßen und realisieren kann. Wir werden sehen.

Foto: Nadine Schwickart

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