Stellwerk Magazin

POETICA I Poesie und Politik - Ein Streitgespräch

Vorwort

Das erste Kölner Festival für Weltliteratur, die POETICA I, eröffnete am 26.01.2015 an der Universität zu Köln. Der Abend bildete den Auftakt für eine vom Internationalen Kolleg Morphomata der Universität zu Köln und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gemeinsam geplante Veranstaltungsreihe mit jährlich wechselnden Themen. In diesem Jahr drehte sich an verschiedenen Veranstaltungsorten in Köln alles um “Die Macht der Poesie”.

Renommierte Lyriker und Lyrikerinnen aus aller Welt waren geladen: Yeşim Ağaoğlu aus der Türkei, Jürgen Becker und Marcel Beyer aus Deutschland, John Burnside aus Großbritannien, Lars Gustafsson aus Schweden, Yang Lian aus China, Aleš Šteger aus Slowenien, Pia Tafdrup aus Dänemark und Adam Zagajewski aus Polen.

"Ich bin russischer Dichter jüdischen Glaubens, englischsprachiger Schriftsteller und natürlich amerikanischer Staatsbürger"1http://citation.allacademic.com/meta/pmlaaparesearchcitation/6/5/3/5/4/p653541_index.html, das war 1987 Joseph Brodskys Antwort auf die Frage, ob er denn Russe oder Amerikaner sei, nachdem er 1987 den Nobelpreis in Literatur für seine russischsprachigen Gedichte erhalten hatte. Geboren wurde er 1940 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. 1972 aus der UdSSR ausgebürgert, nahm er 5 Jahre später die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Brodsky, der auch nach dem Zerfall der UdSSR nicht mehr nach Russland zurückkehrte, gehört seit Mitte der 1950er Jahre zu den Intellektuellen seines Landes, die dem sowjetischen Regime kritisch gegenüberstanden. Seitdem veröffentlichte er sowohl selbstverfasste Gedichte, als auch Übersetzungen aus polnischer und englischer Sprache, die die Aufmerksamkeit des KGB auf ihn lenkten. Seine Gedichte wurden als "anti-sowjetisch"2http://www.nytimes.com/1996/01/29/arts/joseph-brodsky-exiled-poet-who-won-nobel-dies-at-55.html?scp=5&sq=joseph+brodsky&st=nyt bezeichnet. 1964 wurde er für schuldig befunden mit dem Ausüben seiner literarischen Tätigkeit gegen die in der Verfassung festgeschriebene Pflicht, seine Arbeit im Sinne der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken auszuüben, gehandelt zu haben und zu 18 Monaten Strafarbeit verurteilt. Nach seiner Haftstrafe setzte ihn der KGB in ein Flugzeug Richtung Wien, von dort aus emigrierte er in die USA, wo er fortan an verschiedenen Universitäten Literatur lehrte.

"Auf die Unabhängigkeit der Ukraine"

Die im Rahmen der POETICA I veranstaltete Diskussion mit dem Titel "Poesie und Politik" nahm das 1991 von Joseph Brodsky verfasste Gedicht "Auf die Unabhängigkeit der Ukraine" als Exempel, um über das schwierige Verhältnis von Poesie und Politik zu sprechen. Das Gedicht gilt gemeinhin auch als "Spottgedicht", da es die Unabhängigkeit der Ukraine von Russland, und den damit einhergehenden Verlust der großen russischen Kultur als "Todsünde" stilisiert, welches sich auch in den vielen beleidigenden Ausdrücken über die Ukraine im Gedicht bestätigt. Aufgrund der nun zugespitzten Lage zwischen Russland und der Ukraine, hob der in Deutschland lebende russische Schriftsteller Michail Ryklin zu Beginn der Veranstaltung die aktuelle Bedeutung des Gedichtes hervor, da sich diese beiden Staaten in einem "Krieg" befänden. Die ukrainische Bevölkerung werde von der russischen Propaganda als Volk von Verbrechern und Faschisten beschimpft, konstatierte Ryklin.Das Gedicht steht hierbei allerdings keineswegs repräsentativ für den Autor, denn Brodsky war sich der Gefahr bewusst, bei einer Veröffentlichung des Gedichtes falsch verstanden werden zu können und die Situation zu Beginn der 1990er Jahre noch zu verschärfen. Eben jene Härte des Gedichtes war wohl ausschlaggebend, es nicht zu publizieren. Deshalb sprach die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer auch von einem "Rollengedicht", da Brodsky sich eindeutig nicht mit dem Sprecher identifiziert.

v.l.n.r.: Adam Zagajewski, Christof Hamann, Günter Blamberger, Michail Ryklin | (c) Philipp Böll (Morphomata)

Adam Zagajewski, polnischer Schriftsteller und seit 2007 Dozent an der University of Chicago betonte an dieser Stelle, das Gedicht besäße Merkmale eines "dramatic monologue" und spiele geradezu mit der Nichteinhaltung der "political correctness". László Földényi, Übersetzer literarischer Werke in das Ungarische, wies daraufhin, dass Brodsky einen gängigen Topos der russischen Lyrik verwende, wenn er im Plural schreibt, der ihm ermögliche sich "hinter der Ignoranz der Mehrheit", also des russischen Volkes zu verstecken. Die oben genannten Schriftsteller waren sich zum einen einig den Text als "nicht gelungen" und "schlecht" zu bezeichnen, da er, ihrer Meinung nach, das Thema um die Unabhängigkeit der Ukraine, und damit stellvertretend die Unabhängigkeit aller ehemaligen Sowjetstaaten, unzureichend behandle. Zum anderen stimmten sie dahingehend überein, den Text nicht als politisches Gedicht einzuordnen, auch weil Brodsky kein typisch politischer Dichter "im strengeren Sinne" sei, wie es Michael Krüger, der Kurator der POETICA I formulierte. Brodsky sah sich mehr als "metaphysischer" Dichter, der in seinen Werken "eigentlich nichts gegen die Sowjetunion sagte", doch der Ton und die Art seiner Gedichte waren gegen die UdSSR.

Marcel Beyer, ein weiterer geladener Autor der POETICA I, kritisierte hierbei allerdings das "Tribunal"-ähnliche Verhalten der Schriftsteller gegenüber Brodsky und seinem Gedicht. Seiner Meinung nach, dürfe jeder Mensch "allen Scheiß" schreiben, den er wolle; es gäbe keine Restriktionen oder Konventionen, die beim Schreiben einzuhalten wären. Dem Schriftsteller seien keine Grenzen gesetzt, und schon gar keine politischen. Als Gegenargument wurde ihm entgegnet, dass jedem Autor diese Freiheit zustehe, er jedoch verantworten müsse, was er geschrieben hat. Rudolf Drux, Literaturwissenschaftler am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln, gab zu Bedenken, die doch offensichtliche Dichotomie von politischer Poesie und dem klassischen Verständnis vom liedähnlichen-gesungenen Gedicht zu überdenken.

Joseph Brodsky | (c) Michael Scammell

Zum Ende der Veranstaltung wurde über den Literat Brodsky im Allgemeinen gesprochen. Es wurde mehrmals seine Rede vor dem Nobelpreiskomitee anzitiert, in welcher er die Kraft der Poesie hervorgehoben hat. Der Dichter Brodsky sah in der Literatur den wichtigsten Teil der Kultur eines Volkes. Und in seinem Gedicht "Auf die Unabhängigkeit der Ukraine" führt Brodsky dies auch auf die Spitze, indem er Puschkin etwa Schewtschenko vorzieht, und damit also die russische Literatur über die der Ukraine stellt. Zu Brodskys bekanntesten Veröffentlichungen zählt die Essay-Sammlung Less Than One, in der er sein Leben im sowjetisch geprägten Russland zum Thema macht.