Stellwerk Magazin

lit.COLOGNE Campino und das Dichten

Vorwort

Die “Lyrics Reihe” ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der lit.COLOGNE. In diesem Jahr gibt niemand Geringeres als der Frontmann der Toten Hosen – Campino – Auskunft zum Thema Songwriting. Zusammen mit Moderator Jochen Rausch (1Live) erzählt er Persönliches über das Schreiben von Songs, Politik, Fußball und die Musik. Seit 1982 gibt es die Punkrock-Band Die Toten Hosen und genauso lange ist Andreas Frege, besser bekannt als Campino, ihr Frontmann und Songwriter. An diesem Abend geht es also nur um ihn – um ihn und seine Songtexte, fernab von der Musik und seinen Bandkollegen. Moderator des Abends ist Jochen Rausch, Programmchef von 1Live. .Das Datum der Veranstaltung fiel für Campino denkbar ungünstig aus, denn sie verlief parallel zu den beiden Euro-League Spielen von Borussia Dortmund und seinem FC Liverpool. Ob es nun daran lag, dass Campino darauf bestand oder es die Stimmung des Abends auflockerte – es wurde ihm ein Livestream hingestellt, sodass niemand das Spiel verpassen musste.

"Mir war völlig klar, dass ich auf Englisch singen wollte"

Die Anfänge der Toten Hosen begannen in Düsseldorf, Campinos Heimatstadt. Außer einem 1991 veröffentlichten englischsprachigen Album existieren nur deutsche Songs. Beeinflusst vom Punk wollte die Band ursprünglich nur englische Texte singen, aber, um einerseits auch eine eigene Identität zu entwickeln und weil die Band andererseits "verstanden werden wollte", legten sie sich doch auf deutschsprachige Songs fest. Für Campino selbst war die Band das Beste, was ihm passieren konnte. Als schlechter Schüler und Klassenclown stand es sehr schlecht um seine Versetzung, ein drittes Mal sitzen bleiben konnte sich der damals 15-Jährige nicht mehr leisten. Doch mit dem Eintritt in seine erste Band verbesserten sich nicht nur seine Noten, auch sein Verhalten besserte sich. 1983 schaffte er sogar sein Abitur.

"Tatenlos rumzusitzen und sein eigenes Zeug anhören zu müssen, ist wie eine Strafe"

Die Veranstaltung gliederte sich in zehn Songs des Künstlers, welche jeweils eine Minute angespielt wurden. Mit dabei waren viele bekannte Klassiker wie "Hier kommt Alex", "Tage wie diese", "Alles aus Liebe" und "Unser Haus". Zu jedem Song wurde ein Thema aufgegriffen, zu welchem die Zuhörer viel über Campinos persönliches Leben erfuhren. Man erfährt etwas von seinen Schreibblockaden, gerade jetzt auch angesichts des bald erscheinenden neue Albums. "Ich weiß gar nicht mehr, wie ich Texte anfangen soll." Für ihn gibt es kein Rezept zum Texte schreiben, es passiert einfach so. Für einige Alben ist er sogar ein paar Wochen ins Kloster gegangen, um die Ruhe zu nutzen und neue Texte zu verfassen. Manche Songs entstanden in 15 Minuten, manche brauchten ein Jahr. Über die letzten Jahre und Alben haben sich die Songtexte stark verändert, sie sind durchdachter geworden und gehaltvoller.

"Das perfekte Liebeslied ist ein Grund aufzuhören"

Liebeslieder stellen für Songwriter eine besonders große Herausforderung dar, so auch für Campino. Für ihn sei es ein Grund mit der Musik aufzuhören, sollte er einmal das perfekte Liebeslied schreiben. Da er nur Texte verfasst, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen, entstanden bisher eher nur "unglückliche Liebeslieder" – wie zum Beispiel "Alles aus Liebe" – "...mir kommt es vor als ob mich jemand warnt, dieses Märchen wird nicht gut ausgehen.... Komm ich zeig dir wie groß meine Liebe ist und bringe uns beide um." Campino ist es wichtig, gute deutschsprachige Texte zu schreiben und seine Erlebnisse darin zu verarbeiten. Die Leute seien dankbar dafür, wenn man die Karten auf den Tisch lege. Sie merken dann auch , dass die Texte Bedeutung haben und echt sind. Auch den Tod seiner Eltern verarbeitete Campino in Songs. In "Draußen vor der Tür" erzählt er von der oftmals auch sehr problematischen Beziehung zu seinem Vater. Den Songtext zu "Nur zu Besuch" – ein gefühlvoller Song über seine Kindheit – schrieb Campino nur wenige Stunden nach dem Tod seiner Mutter.

"Dass nach 35 Jahren Menschen noch darauf warten, was wir zu sagen haben, macht dankbar."

Campino schreibt seine Songs immer nach dem gleichen Prinzip: Erst die Musik, dann der Text. Zusammen mit der Band wird eine Melodie herausgearbeitet, aufgenommen und dann bei Campino selbst immer und immer wieder abgespielt, so lange, bis der passende Text dazu entsteht. Campinos besondere Herangehensweise ans Songwriting liegt sicherlich auch darin, dass der Sänger seit Anfang der 80er Jahre regelmäßig Tagebuch schreibt. Auch heute liest er noch die alten Einträge und Notizen, um sich Inspirationen für seine Texte zu holen. Dennoch plagt den Autor auch jetzt eine bereits achtmonatige Schreibblockade. Selbst seine Band sagt zu neuen Texten kaum etwas Negatives, um keine erneute Blockade auszulösen. Doch Campino ist auch der Ansicht, dass Texte einem "irgendwann zufallen" und man plötzlich weiß, was man schreiben will: "Mein bestes Lied ist noch nicht geschrieben".

Die Veranstaltung „All die ganzen Jahre – Campino und das Dichten“ ließ einem den Künstler und Menschen Campino näher kennenlernen. Das Publikum erfuhr viel über seine Kindheit, seine Art, Gefühle zu verarbeiten, und bekam einen kleinen Einblick in Campinos Welt. Dass auch die Fußball-Ergebnisse nicht vernachlässigt wurden, und auch die Zeiten des Vortrags an die Halbzeit angepasst wurden, lockerte die Veranstaltung zudem noch weiter auf. Ein steifer Vortrag über das Dichten wäre auch nicht Campinos Art gewesen, welche nicht nur die Fans der Toten Hosen so sehr lieben.

Foto: Sabrina Wirth