Stellwerk Magazin

Buchrezension Emma Cline THE GIRLS

Vorwort

Emma Cline, geboren 1989, wuchs mit ihren sechs Geschwistern im kalifornischen Sonoma auf. Nach ihrem Abschluss mit einem Master of Fine Arts an der Columbia University zog sie nach Brooklyn, wo sie eine Zeit lang in der Gartenhütte von Freunden wohnte. Cline schreibt unter anderem für den New Yorker sowie Oprah Winfreys Magazin O..

2014 erhielt sie für ihre Geschichte MARION den Plimpton Prize for Fiction der renommierten Paris Review und machte damit die Literaturszene auf sich aufmerksam.

Ihr Debüt THE GIRLS schildert Ereignisse, die bereits vierzig Jahre zurückliegen, deren unheimliche Faszination jedoch noch immer nicht gebrochen ist. Die Rede ist von den grausamen Morden, zu denen Charles Manson die überwiegend weiblichen und minderjährigen Mitglieder seiner Kommune anstiftete. Ein Stoff, an den sich bisher nur wenige herantrauten. Die 27-jährige Emma Cline jedoch, als Autorin ein beinahe unbeschriebenes Blatt, landet damit einen Volltreffer: Die Verlage reißen sich förmlich um das Manuskript. Der Roman bringt Cline einen Millionenvorschuss ein und schnellt innerhalb kürzester Zeit auf die Bestsellerliste der New York Times.

the girls Emma Cline: THE GIRLS. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser 2016.

Statt sich auf Charles Manson als Leitfigur der Kommune und Magnet des öffentlichen Interesses zu fokussieren – über die Manson Family ist bereits so viel gesagt und geschrieben worden – stellt Emma Cline seine Mädchen in den Vordergrund und findet so eine neue Perspektive, aus der sie die schrecklichen Ereignisse des Sommers 1969 schildert. Durch die Augen der vierzehnjährigen Evie Boyd ergründet der Leser Stück für Stück, wie ein junges Mädchen in den Bannkreis dieser anfangs noch harmlos-hippiesk anmutenden, sektenähnlichen Gruppe geraten konnte. Emma Cline ist mit The Girls ein brillanter Pubertätsroman gelungen. Eine Coming of Age-Story, die sich raffiniert mit der Rahmenhandlung der schrecklichen Morde an Polanski-Gattin Sharon Tate und den anderen unschuldigen Opfern verwebt. Cline erklärt anhand des feinfühligen Porträts eines adoleszenten Mädchens das, was heute so unfassbar scheint: Womit köderte der psychotische Manson die jungen Anhängerinnen seiner Kommune? Warum begaben sich die jungen Frauen in seine Hände? Und: Was machte unbedarfte Mädchen zu fanatischen Mörderinnen?

„Mädchen sind die Einzigen die einander wirklich Aufmerksamkeit schenken können, die Art, die wir mit dem Geliebtwerden gleichsetzen."

Es ist der Sommer im Jahr 1969, der für Evie Boyd alles ändert. Evie ist vierzehn und keiner interessiert sich für sie. Zusammen mit ihrer Mutter lebt sie in Haight Ashbury, einem Stadtteil von San Franscisco. Vom Freiheitsgefühl des Summers of Love ist in Evies gutbürgerlichem Zuhause wenig zu spüren. Seine Nachmittage verbringt das wohlstandsverwahrloste Mädchen gemeinsam mit der einzigen Freundin Connie. Die beiden widmen sich der Herstellung von Smoothies aus rohen Eiern und anderer Mittelchen, die der ständigen Optimierung ihres "Mädchenselbst" dienen sollen. Ansonsten warten sie. Sie warten auf etwas Verheißungsvolles. Etwas, das man sich im Teenageralter von der Zukunft verspricht und das nicht in der von Ödnis geschwängerten Gegenwart des Sonoma County zu finden zu sein scheint. Auch Evies Mutter hat das Mädchen nicht im Blick: Seit ihr Ehemann sie verlassen hat und mit der blutjungen Tamar nach Palo Alto gezogen ist, ist sie auf Männersuche.

Evie ist in einem Alter, in dem sie "andere Mädchen sofort taxiert" und "ständig Buch darüber führt, woran es ihr fehlt". Sie attestiert sich selbst ein durchschnittliches Aussehen, mittelmäßige Noten und geringen Ehrgeiz. Ein unauffälliges Mädchen ist sie. Eines, an dem kein Blick hängen bleibt. An dem man vorbeisieht. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der erwachsenen Protagonistin, die auf ihr vierzehnjähriges Ich zurückblickt. Emma Cline lässt hier eine Frau mittleren Alters sprechen, die von der Angst gelähmt in den „Zwischenräumen im Dasein anderer Menschen" lebt. Atmosphärisch schildert Cline, wie Evie Boyd sich in der Unsichtbarkeit „geliehener" Häuser vergräbt, in denen sie Blumen gießt und sauber macht, während ihre Besitzer fort sind. Noch immer verfolgt sie das, was damals passierte, nachdem sie die Mädchen zum ersten Mal sah.

„Geschmeidig und gedankenlos wie durch das Wasser gleitende Haie"

Sie erscheinen ihr wie "Fürstinnen im Exil", als sie den Park betreten. In schmutzigen Kittelkleidern steckend und Essbares in Mülltonnen suchend, sind sie umgeben von einer Aura des Unerhörten und einem beinahe schmerzhaft auszuhaltenden Widerspruch von Schönheit und Hässlichkeit. "Die Vertrautheit des Tages" wird "gestört von der Bahn, die die Mädchen durch die normale Welt" ziehen, "geschmeidig und gedankenlos wie durch Wasser gleitende Haie." Clines Sprache ist eine subtile, poetische, die die von Mansons Mädchen ausgehende Gefahr auf geheimnisvolle Art und Weise zu beschreiben weiß. Die Anführerin der Gruppe, die inmitten der spießbürgerlichen Picknickdecken wie beiläufig ihre Brustwarze entblößt, zieht Evie sofort in ihren Bann:

"[…] die Schwarzhaarige fing im Umdrehen meinen Blick auf. Sie lächelte, und mein Herz machte einen Sprung. Irgendetwas schien sich zwischen uns zu ereignen, eine subtile Umschichtung der Luft."

Es ist der Moment, in dem Evie endlich gesehen wird. Und ihre Verzweiflung, die sie zum perfekten Opfer macht. Da ist "diese Leere" in ihr, um die sie sich "zusammenrollen konnte wie ein Tier". Sie macht das Mädchen zum geeigneten Nährboden für die Ideologien des psycho-charismatischen Russell, der Charles Manson nachempfundenen Figur des Romans. Die schwarzhaarige Suzanne nimmt Evie mit zu der heruntergewirtschafteten Ranch, in der die Kommune haust. Kleinkinder mit vollen Windeln laufen herum, die Frauen wohnen unter scheinbar anarchistischen Zuständen unter einem Dach zusammen. Evie muss sich erst an all den Schmutz gewöhnen und an die Euphorie, mit der die Frauen von Russell sprechen. Als sei er ein Heiliger. Ein Prophet. Der einzige, der sie alle retten und "ihr eigentliches Selbst befreien" könne. Die Nächte auf der Ranch sind drogengeschwängert, Autos brennen. Das zusammengegaunerte Essen wird gemeinschaftlich aus einer großen Schüssel gekratzt und Russell nimmt Evie gleich in der ersten Nacht mit in seinen Wohnwagen. Sie nimmt den Geruch seines Wildlederhemds wahr und es stinkt nach Fleisch und Verwesung.

Arglose Intimität als Köder

Das junge Mädchen bleibt auf der Ranch, denn es erfährt dort das, was ihre wenig liebevolle Mutter ihr nicht geben kann: das Gefühl von Nähe. Die Wohltat von arglosen Ritualen wie das gegenseitige Zöpfeflechten. Zwischen Evie und Suzanne entwickelt sich eine Intimität, die Cline dem Leser so unmittelbar und unverstellt zu zeigen vermag, dass er das Gefühl hat, durch eine undichte Stelle des Bretterverschlags zu blicken, in dem die beiden Frauen aneinandergeschmiegt auf einer muffigen Matratze schlafen. Geschildert wird ein Bündnis zweier junger Frauen, die einander Schwestern und Liebende, wenn eine von ihnen in Russels Wohnwagen gerufen wird, jedoch auch Konkurrentinnen sind. Cline schildert Evies zunehmende Abhängigkeit von der älteren Suzanne, die sich das bedürftige Mädchen mit Haut und Haaren einverleibt, um es von Zeit zu Zeit wieder auszuspucken und wegzustoßen. The Girls ist auch deshalb ein Coming of Age-Roman, weil Clines Protagonistin sich im Laufe des Buchs zunehmend als sexuelles Wesen zu begreifen lernt. Schnell erscheinen dem Mädchen die früheren harmlosen Schwärmereien für wenig ältere Jungs zusammen mit ihrer Freundin Connie als infantil. Russells sexuelle Übergriffe lassen sie überwältigt und stumpf zurück – aber auch innerlich verändert und stolz.

„Der Sommer vor dem Ende"

Sehenden Auges steuert der Leser zusammen mit Clines Protagonistin auf das blutige Ende des Sommers zu. Evie wird schnell Teil der Dynamiken der Sekte, bestiehlt die die Augen vor der Wahrheit verschließende Mutter und bricht zusammen mit den Mädchen in das Haus der Nachbarn ein. Irgendwann kippt die Stimmung auf der Ranch. Die jungen Frauen um Evie herum werden stiller, ernster, ihr Blick wirkt noch leerer als sonst. Russell, der sein dilettantisches Gitarrengeschrammel für vermarktungswürdig hält, wird zunehmend aggressiver, als der Manager Mitch Lewis den in Aussicht gestellten Plattenvertrag zurückzieht. Etwas braut sich zusammen hinter den von Fanatismus verklärten Mädchengesichtern, doch Evie hat bis zum Schluss keine Ahnung, was.

Es ist vor allem eine Frage, die die erwachsene Evie Boyd nie mehr aufhören wird zu quälen: „Wenn die hellen Körper der Planeten in einer anderen Konstellation zueinander gestanden hätten“, würden all diese Menschen noch leben? Und: Wäre sie selbst fähig gewesen, zu morden, hätte Suzanne sie auf dem Weg zu Mitchs Haus nicht aus dem Bus geworfen? Wäre sie ebenso wie die anderen außerstande gewesen, den durch Drogensumpf und Gehirnwäsche schlaff gewordenen "Muskel ihres Ichs“ zu benutzen? Evies Geschichte lässt den Leser verblüfft ob der Logik zurück, mit der Cline einen unbedarften Teenager zu einer willigen Manson-Anhängerin werden lässt. Nachvollziehbar schafft sie es, die Gedankenwelt einer Vierzehnjährigen ebenso wie einer Frau mittleren Alters darzustellen und das Unfassbare greifbar zu machen. The Girls ist ein Roman, den beim Aufschlagen der ersten Seite eine Aura der Verlockung umgibt und den man nach der Lektüre ins Bücherregal stellt, um ihm im Vorbeigehen ab und zu einen verstohlenen Blick zuzuwerfen.

Foto: Megan Cline