Stellwerk Magazin

Rezension Der Sound ihres Lebens

Vorwort

Nachdem sie mit „Alte Weiße Männer“ für einen gewissen Furor im deutschen Feuilleton sorgte, schlägt Sophie Passmann in ihrem neuen Buch leisere Töne an. Jene von Frank Ocean und seiner LP „Blonde“ nämlich. Entstanden ist eine intime Auseinandersetzung der Autorin mit Frank Oceans Musik und mit sich selbst. Sophie Passmann © Julia von der Heide

60 Minuten und 8 Sekunden

Anfang Oktober erschienen im KiWi-Verlag die ersten vier Bände einer neuen Musikbibliothek-Reihe, in der bekannte AutorInnen und KünstlerInnen über Bands und MusikerInnen schreiben, die ihr Leben geprägt haben. Teil der Reihe ist ein kleines Büchlein über den Musiker Frank Ocean, geschrieben von Sophie Passmann. Sie arbeitet unter anderem als Radiomoderatorin und Autorin und veröffentlicht im ZEITmagazin ihre Kolumne „Alles oder nichts“. Zuletzt machte sie mit dem Interviewband „Alte weiße Männer“ auf sich aufmerksam, in dem sie Gespräche über diesen Stereotyp mit Männern führte, die ihm mehr oder weniger entsprechen.

In ihrem neuen Buch erzählt Passmann nun von ihrem Leben mit einer bipolaren Störung und dem Umgang mit dem Erhalt dieser Diagnose. Als Erzählfolie dient ihr dabei Frank Oceans Album „Blonde“, das sie während dieser Lebensphase begleitet hat und dessen Songs untrennbar mit den durchlebten emotionalen Zuständen verknüpft sind. Folgerichtig benennt Passmann die einzelnen Kapitel ihres Buchs nach ausgewählten Songs des Albums.

„Das anstrengendste Ying und Yang der Welt“1Passmann, Sophie: Frank Ocean. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019, S. 15.

Charakteristisch für das Krankheitsbild der bipolaren Störung ist das Schwanken zwischen den beiden Stimmungsextremen (oder Polen) Depression und Manie. Die verschiedenen Phasen verlaufen episodisch, es gibt aber auch Zeiten, in denen für die Betroffenen Normalität herrscht. Trotzdem ist das Suizidrisiko unter den Erkrankten besonders erhöht. In ihrem Buch lotet Passmann diese emotionalen Extreme entlang des Albums von Frank Ocean aus: Vom Zustand der Depression, geht es in den Höhenflug der Manie, um schließlich in so etwas wie Normalität zu landen.
Das Buch beginnt, wie auch das Album, mit dem Track „Nikes“. Sophie Passmann verbringt einen Sommer, der dominiert wird von paralysierender Traurigkeit und dem Wunsch, das Leben möge (endlich!) vorbeigehen: „Die Tage waren auch mit Ventilator unerträglich, es war nicht die Hitze, die mich lähmte, es war die Leere, die noch nie so schwarz und mächtig und da war wie jetzt.“2Ebd, S. 13. Kurzzeitig unterbrochen wird ihre Starre durch eine Spotify-Empfehlung: „Blonde“ von Frank Ocean. Dessen Musik wird dem Contemporary-R&B zugeordnet. Er ist Rapper, Produzent und hat seine Karriere als Songwriter begonnen. Seine kritischen und intelligenten Texte sind geprägt von zahlreichen Metaphern und betonen das Visuelle. Passmann hört zunächst nur den ersten Song in Dauerschleife. Mehr erlaubt sie sich für den Moment nicht; für mehr fehlt ihr die Kraft.

Erst der Beschluss in Therapie zu gehen und die Diagnose machen sie wieder handlungsfähig und führen sie auch zu Frank Oceans Album zurück. Hatte sie sich jenes ursprünglich für bessere Zeiten aufgehoben, so soll es diese jetzt doch bitte einläuten. Und tatsächlich: Es geht bergauf. Nur vielleicht etwas zu steil. Ein weiterer Song, dem sie ein Kapitel und eine Seite ihrer Erkrankung widmet, ist „Solo“. Wie das Berauschen an neuer Musik, scheint auch die Manie eine Art Rausch zu sein. Diese zeichnet sich durch eine Euphorie aus, die ein gesundes Maß übersteigt. Die Betroffenen leiden unter Selbstüberschätzung und in manchen Fällen kann es zu Realitätsverlust kommen. Es ist ein Rausch der Wachheit und der Selbstliebe. In einem solchen Zustand macht sich Passmann auf nach Berlin um dort zu feiern, wie Frank Ocean es in „Solo“ besingt: Ästhetische Selbstauflösung ohne peinliche Momente, ohne Tiefen und den Tag danach. Mehr Kunst als Wirklichkeit. Dass die Realität anders aussieht, als Musik und Manie es ihr vorgaukeln, machen die geschilderten Ereignisse deutlich. Die Partybegleitung enttäuscht, die Location ist unspektakulär und der Abend endet in einem unkoordinierten Chaos: „nichts war elegant oder sinnlich, nichts. War klug und komplex, es waren einfach nur Menschen, die Pillen aus Tütchen aus Socken nahmen, um sich selbst und die anderen ein bisschen besser zu ertragen“3Ebd, S. 47.. Mit verschmierter Schminke und Filmriss findet sie sich schließlich an der Rezeption ihres Hotels wieder, ohne Ahnung, welches Zimmer das richtige ist. Was vom Abend bleibt, ist die Scham.

„Aber ich wollte ja keine echte Welt, ich hatte nie um die echte Welt gebeten.“4Ebd, S. 77 f.

So wie die Euphorie des Dauerschleifen-Konsums irgendwann verfliegt, wenn man ein neues Album für sich entdeckt, vergeht auch mit der Zeit die engstirnige Affirmation. Diese Erkenntnis ist Teil der Realität, die im letzten Kapitel beschrieben, und von Frank Ocean besungen wird. In „Godspeed” heißt es: „Wishing you godspeed, glory, there will be mountains you won’t move.”5Ebd, S. 76. Eine Feststellung, die man sich im Leben nicht oft genug sagen kann – manche Dinge lassen sich nicht ändern. Zugleich auch eine ernüchternde Erkenntnis, mit der das Buch und das Album enden. Nach Tiefen und Höhen nun also das „emotionale […] Mittelmaß“6Ebd, S. 78.; ein Ausloten der beiden Pole. Es ändert für Sophie Passmann aber weder etwas an der Großartigkeit des Albums, noch des Lebens.

Mit einer gewissen Abgeklärtheit, die vielleicht nur Menschen kennen, die ähnliche Zustände durchlebt haben, beschreibt Sophie Passmann sowohl die Beziehung zu einer geliebten Musik als auch das Umgehen mit einer psychischen Erkrankung, ohne sich dabei in Kitsch oder Selbstmitleid zu verrennen. Dabei gelingt es ihr, den LeserInnen ihre Krankheit auf nachvollziehbare Weise näherzubringen; denn wer kennt das Phänomen nicht, dass gewisse Songs für uns ganze emotionale Welten beinhalten? Dass sie jederzeit Erinnerungen an bestimmte Zeiten wieder hervorbringen und uns das Erlebte erneut spüren lassen? Ob es nun Zufall ist oder nicht, dass das Buch am „mental health day“ erschienen ist: Die Verknüpfung der beiden Thematiken lässt sich als Aufruf verstehen, unsere psychische Gesundheit ebenso offen und selbstverständlich zu thematisieren wie unsere Liebe für bestimmte Musik.

Porträt Sophie Passmann: © Julia von der Heide