Stellwerk Magazin

Close Reading: Paradox

Vorwort

Im Sommer 2018 erschien KeKe plötzlich auf der Bildfläche – mitten im Trubel der deutschsprachigen Rap-Landschaft – und zog mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und den professionell ausgebauten Sounds Aufmerksamkeit auf sich. Plötzlich, weil man sie überhaupt nicht kommen sah. Ihre ersten musikalischen Erfahrungen sammelte sie bereits in jungen Jahren im niederösterreichischen Krems an der Donau. Nachdem sie ihre Matura abgeschlossen hatte, studierte sie Jazz-Gesang in Wien. So landete sie schließlich 2018, ganz ohne klassische Rap-Sozialisation, bei dem Universal-Sublabel Mom I made it – ein Gewinn für die Deutschrap-Szene. Kiara Hollatko fällt wegen ihres offenen Umgangs mit Themen wie Panikattacken, Depressionen und Essstörungen auf, unter denen sie selbst litt und immer noch leidet. Die Erfahrungen damit verarbeitet sie in ihren Texten. Ihre dritte Single „Paradox“, die im April 2019 veröffentlicht wurde, ist ein gutes Beispiel dafür und prägt bis heute die öffentliche Wahrnehmung der Künstlerin. Damit ist KeKe aber nicht allein, denn im Deutschrap macht sich jüngst ein neuer Trend bemerkbar: Absolute Offenheit in Bezug auf die eigene seelische Verfassung. In „Paradox“ macht KeKe körperliche und mentale Auswirkungen, die Panik und Angst mit sich bringen, spürbar und eröffnet den Blick auf ein Thema, dem noch immer mit Intoleranz begegnet wird. Ein Close Reading.

Ein enger Raum, eine verklärte Sicht. So leitet KeKe in ihren Song ein. Schon im ersten Part verbreiten die Zeilen ein bedrückendes Gefühl. Das Rollen-Ich ringt nach Luft, ihre Gedanken sind zerfahren. Es ist die Angst. Die Angst, die ihr den Atem abschnürt, den Kopf vernebelt und ihren Körper schließlich lähmt. Das sind offene Worte, die in der Deutschrap-Landschaft erst seit kurzem zu hören sind. Über Gefühle zu rappen ist in diesem Genre zwar nicht außergewöhnlich. Das zeigen Tracks, wie „Mama“ (2010) von Bushido, oder „Laura“ (2011) von Prinz Pi. Die Rapper zeigen sich in diesen Songs emotional, aber das Bild des starken, gefassten Mannes wird trotzdem aufrechterhalten. Momente und Zustände, die das Rollen-Ich in den Songs fragil und verletzlich zeigen, findet man eher selten. Das ausführliche Schildern seelischer Störungen ist in der deutschsprachigen Rap-Szene eine Neuerscheinung. 2017 ging die Antilopen Gang bereits mit gutem Beispiel voran, indem sie in ihrem Song „Patientenkollektiv“ auf unkonventionelle Weise über eigene Erfahrungen mit psychischen Krankheiten rappten. In „Paradox“ beschreibt KeKe sehr eingehend einen solchen Zustand von innerer Unruhe: Ein Gefühl der Beklemmung überträgt sich auf den äußeren Raum und drückt sich in Klaustrophobie aus. Ein Symptom, das häufig in Verbindung mit Panikattacken und Angstzuständen auftritt, wie medizinische Klassifikationssysteme, beispielsweise der ICD-10 (International Classification of Diseases) besagen. Das Rollen-Ich trifft auf Unverständnis, ein Gefühl von Machtlosigkeit breitet sich aus und sogar das Atmen wird zum Kampf:

„Der Raum um mich fühlt sich eng an / Es verklärt sich mir die Sicht / Sie sagen, ich muss nur was ändern / Davon versteh’ ich nichts / Häng’ ab von meinem Atem / Doch ringe schwer nach Luft / Die Gedanken sind zerfahren, yeah / Mein Gegenschlag verpufft“

Die Begegnung mit Ignoranz

In der Hook fällt immer wieder die Frage: „Was bildet sie sich ein?“ Damit ruft KeKe einerseits kritische Stimmen auf, die ihr Wichtigtuerei vorwerfen: „Wer denkt sie, wer sie ist?“ Gleichzeitig klingt darin auch eine Erfahrung an, die viele Menschen mit psychischen Erkrankungen kennen, nämlich, dass ihnen abgesprochen wird, ihre Symptome seien real, beziehungsweise wirklich so gravierend. Der Ausdruck blanken Unverständnisses gegenüber an Depressionen erkrankten Personen wird im dritten Part des Songs mit Ironie anschaulich gemacht: „alle sind traurig und so“. Die Krankheit wird mit dem vorübergehenden Gefühl von Traurigkeit gleichgesetzt. Vor allem im Rap wird ein selbstbewusstes, starkes Auftreten erwartet. KeKe wirkt diesen überholten Ansichten entgegen und ebnet revolutionär den Weg dafür, über alles rappen zu dürfen.

„Mach nicht auf hart, wenn du eigentlich weißt / Dass du schon seit paar Jahren im Arsch bist / Biete nicht an, dass du kämpfen könntest / Und erzähl niemandem, dass du stark bist“

Ein Zustand der Zerrissenheit

Sie kritisiert vor allem die stillen Erwartungen der Öffentlichkeit, nach außen hin das Bild einer gesunden, starken Persönlichkeit abgeben zu müssen, obwohl die innere Angst einen zu lähmen droht:

„Bin in einem ständigen Kampf mit der Angst / Mit der Angst, mit der Angst / Halte sie zwar auf Distanz, doch bleibe im Kampf mit der Angst“

Es ist paradox. Doch KeKe sträubt sich davor, ein Verständnis von Stärke zu akzeptieren, welches das Zeigen von Fragilität ausschließt. Stattdessen inszeniert sie ihr Rollen-Ich als eine starke, gottesgleiche Person, deren andauernder Kampf gegen die seelischen Abgründe ihr übermenschliche Kräfte verleiht: „Baby, für dich bin ich surreal / Werfe mit Blitzen und reite mit Donner“ Das Rollen-Ich eignet sich die Attribute des Gottes Zeus aus der griechischen Mythologie an: Blitze und Donner. Ein Topos für das unausweichliche Schicksal, die Urkraft und die kosmische Vernunft.

Angststörungen, Panikattacken und Depressionen sind schwerwiegende Probleme, mit denen Menschen tagtäglich zu kämpfen haben und die die Lebensqualität erheblich einschränken. Im Jahr 2016 waren insgesamt 8,2 % der erwachsenen Deutschen (18-79 Jahre) an einer depressiven Störung erkrankt – das sind 5,3 Millionen Menschen – heißt es auf der Website der Deutschen Depressionshilfe. Der Song „Paradox“ macht auf die fehlende Anerkennung psychischer Probleme als reale Krankheiten aufmerksam und unterstreicht die Ernsthaftigkeit, die dieses Thema verdient. Der Titel verweist auf die Widersprüche, die sich auftun zwischen der eigenen inneren Gefühlswelt und dem Bild von Stärke, das man nach außen präsentiert. Rap ist Kraft, Potenz, Stärke, Macht. KeKe zeigt nicht nur auf, dass sich diese Attribute mit einem offenen Umgang mit seelischen Belastungen nicht ausschließen, sondern eröffnet zudem einen Blick auf die Kehrseite der Medaille: Hinter jeder Machtpose steht möglicherweise das Gegenteil, nämlich das Gefühl von Ohnmacht. Der neue Trend birgt die Hoffnung auf einen transparenteren Umgang mit der eigenen Psyche im Rap – und darüber hinaus. Das würde sich potenziell nicht nur positiv auf die KünstlerInnen auswirken, sondern könnte womöglich auch Identifikationspotenzial für die HörerInnen bieten. Wie die Musikjournalistin Miriam Davoudvandi über KeKe schrieb: Vielleicht ist sie die Künstlerin, „die Rap wieder weich machen kann.“1https://juice.de/keke-interview-feature/

Headerfoto: © Lousy Auber