Stellwerk Magazin

Dröhnende Stille

Vorwort

„Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“ Das ist die erschütternde Bilanz der jungen Ich-Erzählerin in Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“, der im Sommer 2020 bei Suhrkamp erschienen ist und der jungen Autorin sowohl einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises als auch u.a. den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020 einbrachte. In deren Jurybegründung heißt es: „So einen Roman als Debüt hat es lange nicht gegeben. Deniz Ohde schreibt mit ‚Streulicht‘ einen Bildungsroman, der den Vergleich sucht, der soziologisch unnachgiebig ist und unter sanftem Druck alles zum Vorschein bringt.“

Als die späterhin nur als „Frau A“ bezeichnete Protagonistin in ihren Heimatort am Rand des Industrieparks zurückkehrt, lässt sie ihre Biografie Revue passieren: Als Tochter aus dem bildungsfernen Arbeitermilieu fällt sie bereits früh durch die Raster des Schulsystems. Die Drohung ihres Klassenlehrers, jetzt werde ausgesiebt, wird für sie zur düsteren Prophezeiung; sie muss das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. Von der ihr immer schon fremden Bildungselite geht es zurück in die nur allzu bekannte Perspektivlosigkeit, an der sich die eigene Mutter bereits langsam, aber unausweichlich aufreibt. Der Traum von einem besseren Leben hatte sie aus der Türkei nach Deutschland geführt, doch dieser endete im Dunstkreis des Industrieparks, verschluckt vom diffusen Streulicht, in einem heruntergekommenen Wohnhaus samt alkoholabhängigem Ehemann.

Leben heißt hier standhalten und so befindet sich die Erzählerin bereits seit ihrer Kindheit in ständiger Defensive. Früh lernt sie, kleinste Zeichen richtig zu deuten und wird zu einer ausgesprochen feinfühligen Beobachterin, die schnell erkennt, dass sie in einem „anderen Zeichensystem“1Ohde, Deniz: Streulicht. Berlin: Suhrkamp 2020. S. 64. lebt als ihre gutsituierten Klassenkameraden. Ein Zeichensystem, das Außenstehenden verschlossen bleibt, und innerhalb dessen französische Vokabeln ebenso fremd sind wie die Lektüre einer Tageszeitung. In dieser dröhnenden Stille der Nichtkommunikation führt die Erzählerin ein Tagebuch. Darin schreibt sie gegen ihre lähmende Sprachlosigkeit an und vollzieht die Strukturen ihres Scheiterns nach.

Deniz Ohde © Suhrkamp Verlag Deniz Ohde © Suhrkamp Verlag Deniz Ohde wurde 1988 in Frankfurt am Main geboren und studierte Germanistik in Leipzig. Sie veröffentlichte immer wieder Texte in Blogs, brach aber das Schreiben ab, sobald diese Aufmerksamkeit erregten. 2016 war sie Finalistin beim open mike des Haus für Poesie. Im selben Jahr wurde ihre Kurzgeschichte „452“ in der Anthologie „Tausend Tode schreiben“ von Christiane Frohmann veröffentlicht. Im folgenden Jahr war Deniz Ohde Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses.

Woran ES gelegen habe, wird sie später oft gefragt. Gründe beschreibt sie viele, doch einfach verbalisieren lassen sich diese nicht. Das Versagen des Systems lässt sich nicht konkret fassen. Stattdessen müsste man jedes Element einzeln betrachten. Ob es nun daran lag, dass die Barmänner des Ortes die Telefonnummer der Familie kannten, oder der Vater der Meinung war, Bildung umfasse genau einen Buchband mit eben diesem Titel. Oder, dass Verstehen zum „mystische(n) Zustand elitärer Personen“2Ebd. S. 73. entrückt wird und die Eltern den Lehrern beim Elternsprechtag hilflos bis unterwürfig gegenübersitzen. Dass diese Sprachlosigkeit sich über Generationen hinweg fortsetzt und zur lähmenden Schockstarre wird, die im Paradoxon von „sei still“ und „sprich lauter“3Ebd. S. 167. kulminiert. Dann doch lieber die einfache Antwort, man habe sein Licht unter den Scheffel gestellt. Doch der Scheffel, das ist das erstickende Streulicht des Industrieparks, stellvertretend für jenes sozial benachteiligte und bildungsferne Umfeld, das dem Anspruch des Schulsystems nicht gewachsen ist.

In einem Alter, in dem andere ihre erstarkende Identität mit kreativem Kleidungsstil und auffälligen Frisuren zur Schau stellen, kaschiert die Erzählerin sorgfältig die optischen Merkmale des vermeintlichen „Nicht-Deutschseins“: Die verräterischen dunklen Augenbrauen werden zu dünnen Strichen gerupft, der Geburtsname zugunsten eines deutsch klingenden Namens verschwiegen. Mit der Namenlosigkeit geht die Identitätskrise der jugendlichen Erzählerin einher. Es sind subtile Gesten, durch die Deniz Ohde hier die Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund thematisiert. Sei es nun die harmlose Frage an die Protagonistin, ob Deutsch ihre Muttersprache sei, oder aber die Tatsache, dass sie an der Universität aufgrund ihres „ausländischen“ Namens automatisch für eine Erasmusstudentin gehalten wird. Vermeintliche Harmlosigkeiten, die alle ihren Teil zum ES beigetragen haben.

Sprachlich ausgereift und visuell beeindruckend gelingt es Ohde über weite Strecken, die allgegenwärtige Perspektivlosigkeit durch scheinbar kleine Beobachtungen im Brennglas zutage zu fördern. Allerdings finden sich auch Passagen, die etwas zu sehr zum Abziehbild des Elends geraten: Beispielsweise die Szene, in der die aufgelöste Erzählerin ihrem Großvater anvertraut, ihre Eltern würden sich oft heftig streiten. Dieser tut die Sorgen der Enkelin nonchalant ab, um sich kurz darauf mit in den Nacken gelegtem Kopf Hochprozentiges zu Gemüte zu führen. Szenen, die dem sonst eher unterschwellig und feinfühlig arbeitenden Text ungünstig entgegenwirken. Beschreibungen wie: „Kein Garten umschloss unser Haus, keine Birke spendete Schatten, denn aus Schatten bestand ja unser ganzes Grundstück, und unsere Wohnung war ein Geheimnis, das wir zu hüten hatten, dessen wir uns schämten“4Ebd. S. 86. nehmen sich wie ein Fremdkörper im sonst subtilen Duktus des Romans aus und rauben der Erzählung stellenweise ihre Kraft.

Dennoch deckt Deniz Ohde in „Streulicht“ scharfsinnig und einfühlsam die strukturelle Diskriminierung von Menschen aus Einwandererfamilien auf. Subtil und präzise legt sie die Zerrissenheit offen, in die ihre Protagonistin immer wieder durch ihr Umfeld gedrängt wird: Eigentlich fühlt sie sich als Deutsche, doch diese Identität wird ihr aberkannt, indem sie im schulischen und akademischen Kontext permanent mit ihrem vermeintlichen Ausländertum konfrontiert und genötigt wird, zu einer ihr aufgezwungenen Identität Position zu beziehen. Feinfühlig illustriert die Autorin die Brüche in der Biografie der Frau A. Eine Biografie, die so sicherlich kein Einzelschicksal darstellt. Sie verkörpert einerseits sinnbildhaft das Residuum einer Gesellschaft, die zu früh zu schnell aussiebt. Andererseits beleuchtet sie den steinigen Weg einer jungen Frau, deren Licht „nicht totzukriegen“5Ebd. S. 167. ist.

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