Stellwerk Magazin

Massenmedium sucht Kritik – der Podcast

Vorwort

Anfang Juni wurde zum zweiten Mal der Deutsche Podcast Preis verliehen. Ein kurzer Blick auf das Prozedere vor der Preisvergabe spricht Bände: die Jury bewertete 950 Formate, fast 80 Stunden Audiomaterial – Podcasts, wohin das Ohr reicht. Aber wer blickt da noch durch? Man sollte meinen: das Feuilleton. Doch vergeblich blättert man durch die großen Tageszeitungen auf der Suche nach der etablierten Podcastkritik. Ist der Preis vielleicht ein Symptom eines zu undifferenzierten Umgangs mit dem Medium Podcast?

Foto von Jukka Aalho auf Unsplash Foto von Jukka Aalho auf Unsplash

Der Podcast ist so viel mehr als ein Radiosendungs-Mitschnitt, für den ihn manche tatsächlich immer noch halten. Mittlerweile produzieren auch Zeitschriften, Medienanstalten und Onlinemagazine wie DER SPIEGEL, das Erste oder Zeit.Online eigene Formate. Das Medium erfreut sich besonders in Pandemie-Zeiten einer wachsenden Zuhörer:innenschaft. Nicht zuletzt die App Clubhouse bestätigt, was mancher bereits ahnte: Die Menschen haben Lust etwas auf die Ohren zu bekommen. Der Tenor einer medialen Gesellschaft lautet „lass mal einen Podcast machen“. Neben Gesprächs-Formaten mit fester, teilweise prominenter Besetzung, gibt es mittlerweile eine Vielzahl weiterer Genres wie True Crime, Interview-Formate, Beziehungspodcasts oder solche mit Lerninhalten. Nennen kann man nur eine kleine Auswahl, zu groß ist das Angebot, als dass man es überblicken könnte.

Trotz des qualitativ hochwertigen Angebots sucht man in den Feuilletons der großen Tageszeitungen noch vergeblich nach ihr: der etablierten Podcastkritik.

Schlägt man dieser Tage die großen Zeitungen auf, findet man keine etablierte Rubrik, die Podcasts oder einzelne Folgen nachbespricht, kritisiert oder empfiehlt. Angesichts der Masse und Relevanz von Podcasts findet merkwürdig wenig mediale Reflexion statt. Abhilfe verschafft immerhin das Online-Magazin Übermedien. Hier wird das Audiophänomen regelmäßig rezensiert, einzelne Folgen seziert, beziehungsweise auf Inhalte untersucht, und die gesamte Podcast-Landschaft analysiert. Das Wort „Über“ scheint das entscheidende Stichwort zu sein, denn auch Deutschlandfunk Kultur hat das Bedürfnis erkannt und Ende 2019 – paradoxerweise – den Podcast „Über Podcast“ ins Leben gerufen. Verschiedene Folgen bieten einen fundierten Überblick zum Phänomen Podcast, besprechen nicht nur verschiedene Genres, sondern hinterfragen auch gängige Medienpraxis, geben Empfehlungen oder reflektieren Anbieter und Angebote. Hoffnung auf Überblick bietet auch der Deutsche Podcast Preis, der das Medium als eigenständiges honoriert und vom Radio abgekoppelt betrachtet. Ihn gibt es nun seit zwei Jahren, um den Menschen hinter den Mikrofonen Anerkennung zu zollen und ihrer Arbeit eine Bühne zu geben. Sobald man sich allerdings dessen Struktur genauer ansieht, zeigt sich auch hier das Symptom einer eher stiefmütterlichen Behandlung des Mediums.

Bereits letztes Jahr kritisierte Daniel Bouhs auf Übermedien, dass „der Deutsche Podcastpreis eine Fehlkonstruktion“1https://uebermedien.de/45449/der-deutsche-podcastpreis-ist-eine-fehlkonstruktion/ sei, denn die noble Idee des Crowd-Preises stelle gleichzeitig die zentrale Schwierigkeit dar: Grundsätzlich kann jede:r sein Audioformat einreichen. Aufnahmebedingung ist lediglich die Einsendung eines fünfminütigen Zusammenschnitts aus mindestens einer Podcast-Folge. Bewertet wird das Ganze von einer Crowd-Jury, bestehend aus „200 fachkundigen Expert:innen mit ganz eigenen Erfahrungen und echter Expertise in der Audiowelt,“2https://www.deutscher-podcastpreis.de/ wie die Webseite verrät. Die Jury bewertet in zwei Etappen rund 950 Formate für die sieben Kategorien „Beste:r Newcomer:in“, „Bestes Skript/Beste:r Autor:in“, „Beste:r Interviewer:in“, „Bestes Talk-Team“, „Beste Produktion“, „Beste journalistische Leistung“, „Bester Independent Podcast“. Zudem gibt es den „Publikumspreis/Beste Unterhaltung“. Die zweite Etappe der Prämierungs-Phase fand nun im Juni in Form einer Veranstaltung im Festsaal Kreuzberg in Berlin ihren Abschluss. Hier wurden die in der ersten Phase nominierten Podcasts innerhalb ihrer Kategorien nochmals bewertet und die jeweiligen Sieger:innen gekürt.

So weit so gut, aber bei der Betrachtung des Verfahrens stellt sich eine zentrale Frage: Wie sichtet die Jury 950-mal fünf Minuten, sprich fast 80 Stunden Audiomaterial? Können die Juror:innen angesichts dieser Masse den Einreichungen überhaupt gerecht werden? Die Webseite erklärt, dass mit einem Online-Voting-Tool via eines Punkte-Systems gearbeitet wird. Die Frage, wie man diese Menge an Material sichtet, bleibt dabei ungeklärt, ebenso wie die Parameter, nach denen gearbeitet wird. Unklar bleibt ebenfalls, wer diese 200 fachkundigen Expert:innen sind.

Normalerweise lautet die Devise: Spätestens, wenn es einen Preis gibt, hat sich das Medium in der Medienlandschaft verankert.

Nun sollte man meinen, dass spätestens, wenn es einen Preis gibt, das Massenmedium als ein solches anerkannt ist, es in anderen Medien reflektiert wird und das Angebot durch Kategorisierungs- und Bewertungsmechanismen eingeordnet wird. Letzteres bewirkt der Preis schon, jedoch wird auch deutlich sichtbar, dass er auf einer wackeligen Basis, auf Neuland steht: Ein gutes Beispiel sind die Nominierungs-Kategorien, die nicht in themenspezifische Inhalte einteilen – wie etwa Buchpreise in Sachbücher oder Belletristik –, sondern True-Crime-Podcast mit Beziehungspodcast und Informationspodcast in einen Topf schmeißen. Notwendig wäre eine längst überfällige öffentliche Debatte über die Kriterien eines Mediums, das sich nun seit Jahren etabliert hat. Der Moderator und Autor Tommi Schmitt – mit seinem Comedypodcast „Gemischtes Hack“ einer der Gewinner:innen des Deutschen Podcast Preises – bringt es auf den Punkt, wenn er in einer Folge von „Deutschland 3000 – ‘ne gute Stunde mit Eva Schulz“ feststellt, dass der Podcast das einzige Medium ist, in dem selbst in der Öffentlichkeit stehende Personen noch nahezu alles sagen können, ohne dass einzelne Aussagen von Kritiker:innen in anderen Medien aufgegriffen werden.

Trotzdem bietet der Deutsche Podcast Preis durch seine Kategorisierungen interessante Anknüpfungspunkte für Diskurs. Zum Beispiel die neue Kategorie „Bester Independent Podcast“ gibt auch kleinen und unabhängigen Produktionen eine Bühne, die sich neben den Produktions- und Distributionsgiganten Spotify und Apple behaupten. So wie im Literaturbetrieb der Preis der Leipziger Buchmesse oder der Deutsche Buchpreis Qualität auszeichnen, Trends sichtbar machen und damit Orientierung anbieten und Diskurs initiieren, verbinden sich vergleichbare Hoffnungen mit dem Deutschen Podcast Preis. Schlussendlich steht dem jedoch dessen Konstruktion und der undifferenzierte Umgang mit dem eigenen Gegenstand im Weg. Man ahnt es: die Problematik wurzelt tiefer. Doch der erste Schritt ist getan: Der Deutsche Podcast Preis stellt eine Plattform dar, er bündelt und bietet Zugänge durch Kategorisierungen. Jetzt heißt es Nachziehen: Durch die Etablierung einer Podcastkritik und die Schaffung einer „Podcast-Öffentlichkeit“ inklusive institutioneller Orientierungsmarker. Das Medium ist etabliert, die qualitativ hochwertigen Inhalte sind da. Was fehlt, ist der Anschluss an gesellschaftliche, feuilletonistische und medienreflexive Diskurse.

Headerfoto: C D-X auf Unsplash

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Hier findet ihr weitere Informationen auf der Website des Deutschen Podcast Preises