Stellwerk Magazin

Zeitlose Klassiker!? Dramenrecycling in Theater und Literaturwissenschaft

Vorwort

Sogenannte “Klassiker” sind fester Bestandteil von Spielplänen und Vorlesungsverzeichnissen. Warum eigentlich? Geht es lediglich um Traditionserhalt? Oder sind Texte von Shakespeare, Schiller und Büchner einfach endlos aktualisierbar? Und wie kann man ihnen dann in ihren Bezügen und Dringlichkeiten begegnen und sie weitervermitteln, sei es an Zuschauer oder Studierende?

Darüber diskutierten am 20.06.2014 in der studiobühneköln der Regisseur Moritz Sostmann, der Dramaturg Lothar Kittstein und der Literaturwissenschaftler Torsten Hahn.

Moderation: Alexander Weinstock (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur, Universität Köln)

Klassisches Theater!?

Stellen wir uns einen theaterinteressierten Menschen vor. Stellen wir uns vor, wie dieser Mensch sich die Spielpläne unterschiedlicher Theater zu Gemüte führt, weil er gern wissen möchte, was hier und dort auf die Bühne kommt und was es alles so zu sehen gibt. Was findet er vor? Zum einen Inszenierungen unterschiedlicher zeitgenössischer Autorinnen und Autoren: Stücke von Elfriede Jelinek, Roland Schimmelpfennig, Yasmina Reza, Lukas Bärfuss, Ewald Palmetshofer. Dann findet er, was ihn vor einigen Jahren vielleicht noch verwundert hätte, literarische Texte anderer Gattungen vor, etwa Romane: Dostojewskis Dämonen oder Der Idiot, die Romane Franz Kafkas. Oder Michel Houellebecqs Elementarteilchen, Ayn Rands Der Streik und Tolstois Anna Karenina. Auch findet unser theaterafiner Freund Formen dokumentarischen Theaters in all ihrer Bandbreite. Ganz aktuell in Köln die Arbeiten von Angela Richter und Nuran David Calis. Andernorts etwa von Rimini Protokoll, she she pop oder Milo Rau. Neben all dem findet er aber auch Inszenierungen von Stücken, die er irgendwie, mehr oder weniger kennt, von denen er möglicherweise auch schon mal in anderen Kontexten, z.B. in der Schule, gehört hat und deren Fehlen im Spielplan oder etwa dem Programm des alljährlichen Berliner Theatertreffens ihn wahrscheinlich reichlich irritiert hätte. Stücke von Shakespeare, Molière, Lessing, Schiller, Hebbel, Büchner, Brecht.

Klassische Literaturwissenschft!?

Torsten Hahn studierte deutsche Philologie, Romanistik und Philosophie in Köln. Er ist Professor für deutsche Philologie an der Universität zu Köln und arbeitet zu Codierungen und Programmen der Literatur/Kunst, Medienkultur und Medienästhetik des 20. Jahrhunderts. //////////// Moritz Sostmann studierte Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und arbeitete als freier Schauspieler. Sein Spiel vereint Schauspiel und Puppenspiel. Seit der Spielzeit 2013/2014 ist er Hausregisseur am Schauspiel Köln. Er führte Regie bei den erfolgreichen Inszenierungen DER GUTE MENSCH VON SEZUAN und AMERIKA. ///////// Lothar Kittstein studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Hannover und Bonn. Nach seiner Promotion arbeitete er als Headhunter bei einer Unternehmensberatung, seit 2003 schreibt er Theaterstücke. In der Spielzeit 2006/07 war Kittstein Dramaturg am Schauspiel Köln, nun arbeitet er als Dramatiker und Dramaturg am Schauspielhaus in Bonn.

Stellen wir uns nun einen literatur- und vielleicht sogar literaturwissenschaftlich interessierten Menschen vor, wie er sich durch die Vorlesungsverzeichnisse unterschiedlicher Institute an unterschiedlichen Universitäten liest. Er wird dort zum Beispiel Vorlesungen und Seminare finden, die etwa "Sport-Texte" oder "Schizophonie: Ein akustisches Phänomen an der Grenze von Literatur und Medien" heißen. Oder: "Optische Medien und literarische Schreibweisen". Er wird diese Veranstaltungen in den Bachelor- und Masterstudiengängen Modulen zugeordnet finden, die möglicherweise mit "Literatur- und Medienanalyse" oder "Literatur als Kulturwissenschaft" überschrieben sind. Es begegnen ihm aber auch Autoren und Texte, deren Fehlen ihn ebenso verwundert hätte. Zum Beispiel in Seminaren und Vorlesungen, die schlicht mit "Heinrich von Kleist", oder "Friedrich Schiller", oder "Das bürgerliche Trauerspiel", oder "Georg Büchner", oder "Bertolt Brecht" betitelt sind.

Warum "Klassiker"?

Warum erscheint es nun sowohl dem Theater- als auch dem Literturwissenschaftlichinteressierten so vollkommen selbstverständlich, dass sie hier wie dort auf jene Autoren und ihre Stücke stoßen? Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass beide geneigt sind, die Stücke dieser Autoren als Klassiker zu bezeichnen und – viel wichtiger noch – als solche wahrzunehmen. Je nachdem, wie weit beide nun in die Untiefen der Wissenschaft hinabgestiegen sind, behalten sie dabei im Hinterkopf, dass dieser Begriff "Klassiker" durchaus problematisierungswürdig ist. Wer wird wann und wodurch ein Klassiker? Und warum? Und man könnte sich durchaus vorstellen, dass sich dies fast von selbst vollzieht, weil es sich bei Klassikern eben um solche Texte handelt, die sich durch eine nahezu grenzenlose Anschlussfähigkeit auszeichnen, die in der Lage sind, zu vielen unterschiedlichen Menschen in unterschiedlicher Weise zu sprechen (Borges), und denen man sich ohne Ermüdungserscheinungen immer wieder aufs Neue nähern kann und will, wie einem Hit in der Pop-Musik (Goetz).

Man könnte sich aber auch fragen, inwiefern mit der Bezeichnung eines Textes als "Klassiker" immer eine Wertung einhergeht, die Ausschlüsse produziert und sich dann fragen, wer über diese Ausschlüsse entscheidet. Oder inwiefern die Klassiker als kulturelle und künstlerische Fix- und Orientierungspunkte idealisiert werden, die immer auch normative Vorgaben für alles Folgende nach sich ziehen und dabei selbst "zeitlos" werden. Dann ist aber auch der Weg nicht mehr weit, dass solche "zeitlosen Klassiker" als unantastbare Sternstunden der Hochkultur einer im besten Sinne kritischen Auseinandersetzung entzogen werden. Sprechen die Klassiker selbst zu allen in unterschiedlicher Weise oder haben wir nur gelernt, dass sie dies tun? oder noch prekärer: haben wir dies bloß noch irgendwo, nebenbei gehört, von Leuten, die selbst nur gelernt haben, dieses oder jenes ist ein Klassiker und er spricht zu dir und zu dir und zu dir? Ob und inwiefern dies Problematiken und Fragen sind, die sich dem Theater und der Literaturwissenschaft stellen, und wie beide Sphären mit ihren gemeinsamen Klassikern umgehen können und müssen, wollen wir heute Abend gemeinsam diskutieren.

(Anmoderation und Themeneinführung von Alexander Weinstock)