Stellwerk Magazin

TransLit-Professur 2016 "Was ich auch gern könnte“

Vorwort

Felicitas Hoppe gehört zu den derzeit erfolgreichsten Autorinnen in Deutschland. Ihr Debüt gab sie 1996 mit PICKNICK DER FRISEURE. Ihr Werk ist breit aufgestellt: von historischen Romanen, Helden- und Rittergeschichten über Reiseliteratur bis hin zu Biographien. Sie wurde bereits vielfach ausgezeichnet; für ihre Traumbiographie HOPPE erhielt sie 2012 den Georg-Büchner-Preis und den Erich-Kästner-Preis für Literatur im letzten Jahr. Die Autorin ist durch ihre vielen Vorträge, Gastprofessuren und Poetikdozenturen viel auf Reisen. Diesen Herbst ist sie nun auch in Köln: als Inhaberin der TransLit-Professur 2016 an der Universität zu Köln. Den Auftakt bildete der Vortrag “Was ich auch gern könnte”.

F. Hoppe Felicitas Hoppe | TransLit 2016

"Ich ziehe die Mündlichkeit der Schriftlichkeit vor." Kaum zu glauben, dass diese Aussage von einer Schriftstellerin stammt. Felicias Hoppe ist eine Schriftstellerin, die ihre Leser zu verwirren weiß. Ihre Traumbiographie HOPPE beweist dies zu genuügend. Man könnte meinen, ein Porträt sei die perfekte Quelle, um sich über die Persönlichkeit einer Autorin zu informieren. Nicht bei Hoppe. Nach der Lektüre ist die Autorin ein noch größeres Rätsel. Je größer die Verwirrung, desto aufregender jedoch die Begegnung mit der Schriftstellerin. Diese Konfusion macht auch die Funktion einer solchen Poetikdozentur klar. Sobald Felicias Hoppe ihre Rede beginnt, zerfällt die unsichtbare Barriere zwischen Leser und Autor. Während die Biographie HOPPE ein Fragment bleibt, vervollständigt es sich stetig in der mündlichen Rede. Das Werk als Teil des Ganzen erfährt erst in der Verbindung von Rede und Schrift seine Vervollkommnung.

Der Konjunktiv

Nachdem das rot leuchtende Kleid auf den Plakaten der TransLit-Veranstaltung die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden bereits wecken konnte, steht Felicias Hoppe nun endlich am Rednerpult. Gleich zu Beginn der Rede bezieht sich Hoppe auf den Leitsatz des Vortrags "Was ich auch gern könnte" und macht dabei auf den mit Absicht gewählten Konjunktiv aufmerksam. Ganz offensichtlich handelt es sich hierbei nur um Wünsche, die keine Erfüllung gefunden haben. So zum einen Hoppes Wunsch, Dirigentin zu werden. Ein Wunsch, den die Autorin seit ihrer Kindheit verfolgt.

"Kunst lebt vom Wunsch, nicht von Erfüllung"

Musik fasziniert Hoppe bis heute noch. Ganz offensichtlich ist sie nicht Dirigentin geworden, sodass dieser nicht erfüllte Wunsch einer Sehnsucht Platz geschaffen hat. Einer Sehnsucht, der die Autorin im Schreiben Ausdruck verleiht. Hoppe hat das Schreiben zur Musik gemacht. Anstatt Töne auf Instrumenten zu erzeugen, beschreibt sie dem Publikum, wie sie die Worte zu ihrem Orchester macht. Die Sehnsucht nach Musik bildet für die Schriftstellerin den Nährboden ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Während die Musik vor allem den Hörsinn beansprucht, verleiht Hoppe dem Sehsinn ebenfalls eine wichtige Funktion. Geschriebene Worte sollen nicht nur hörbar sein, sondern auch visuell veranschaulicht werden. Dabei offenbart Hoppe ihren zweiten unerfüllten Wunsch: Zeichnen zu können. Dieses Bestreben versucht sie stattdessen auf ihre literarische Tätigkeit zu übertragen, indem das Geschriebene möglichst greifbar und anschaulich verfasst wird, sodass Fantasie und Sehsinn des Lesers angeregt werden.

Hoppes textliche Bilderwelten

Die Werke Hoppes sollen sich nicht nur auf bloße Informationen beschränken, sondern mit allen Sinnesorganen erlebt werden – insbesondere mit Augen und Ohren. Eine Gabe, die sich die Schriftstellerin selbst zuschreibt: sie ist Synästhetikerin. Ihre Werke gleichen einem Gemälde oder Notenspiel. Sie verweisen auf verschiedene Farben und Tonarten, die zu einer Irritation der Sinne jedes Lesers führen. Worte, die sich nicht als verwirklichte Träume präsentieren, sondern Worte, die dem Leser einen unermesslichen Raum öffnen und zum Träumen erst veranlassen, sodass sich ihm neue Welten offenbaren.

"Ist Schnee wirklich nur Schnee?"

Eine Frage, die von Hoppe in den Raum geworfen wird: Wie lässt sich Schnee beschreiben, ohne dass die literarische Beschreibung einer unscheinbaren Gegebenheit des Winters gleicht? Winzige Flocken, die niederrieseln, die den Boden berühren und augenblicklich verschwinden. Der Schnee, eine flüchtige Materie. Worin besteht nun die Aufgabe des Künstlers? Der Künstler versucht nichts anderes, als diese Flüchtigkeit aufzugreifen und ihr für einen kurzen Augenblick die Unscheinbarkeit zu nehmen. Sobald der Autor dem Schnee eine stimmungsvolle Aura verleiht, ist der echte Schnee bereits verschwunden und an dessen Stelle setzt sich der ‚nicht selbstverständliche‘, der literarische Schnee. Dieses ambivalente Bild, lässt sich ebenso auf die Traumbiographie HOPPE übertragen. Das Übersetzen wirklicher Gegebenheiten ins Literarische beschreibt die Existenz zweier Hoppes. Die reale Hoppe, die uns für immer ein Rätsel sein wird und die fiktive Hoppe, die durch die reale Hoppe illustriert wird. Literarisches Schreiben, so Hoppe, ist mehr als das bloße Entnehmen von Informationen. Lesen ist vielmehr ein physischer Vorgang.

Hoppe ist eine Autorin, die jene Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu verwischen weiß: Was ist überhaupt wahr? Diese unlösbare Frage beschreibt zugleich die Absicht, die dahintersteckt: "Wahrheit ist die beste Art der Tarnung." Zur Veranschaulichung bezieht sich die Schriftstellerin auf ein Beispiel ihres Alltags: Das Stehen vor der Kamera. Der Kamera lässt sich am besten ausweichen, indem man ihr eben nicht ausweicht. Eine Aussage, die das Publikum live miterlebt.

Während Hoppe ihre Rede hält, wird sie von blitzenden Kameras erfasst. Die Wahrheitsfrage spielt in Hoppes Traumbiographie eine entscheidende Rolle. War diese zuvor beim Lesen unklar, so ist sie im Augenblick des Vortrags für den Zuhörer greifbarer geworden. Die Mündlichkeit, welche durch Hoppes Vortrag realisiert wird, verschafft uns somit Klarheit über das Geschriebene. Die Autorin offenbart ihrem Publikum einen Teil der realen Hoppe, indem sie ihm ihre unerfüllten Wünsche, den Wunsch zu Dirigieren und zu Zeichnen, verrät. Selbst wenn diese von Hoppe angeführten Berufe nicht Wirklichkeit geworden sind, ist die Schriftstellerin als eine Dirigentin und Zeichnerin zu beschreiben, die ein Orchester an Wörter führt und zu einem visuellen und sinnlich greifbaren Bild verwirklicht.

Fotos: Anahita Babakhani | Universität zu Köln